Archiv 2021 - Evangelische Medienzentrale

Evangelische Medienzentrale

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Evangelische Medienzentrale Frankfurt

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Film des Monats November

Große Freiheit
100 Minuten

Knatterndes Projektorengeräusch, wackelige, unscharfe Bilder einer Männertoilette - Beweismaterial in der Gerichtsverhandlung gegen Hans Hoffmann. „Widernatürliche Unzucht nach Paragraf 175“. Das Urteil: 24 Monate Haft – es ist das Jahr 1968. Im Gefängnis geht die routinierte Maschinerie ihren Gang. Schnell wird klar, Hans kennt sich aus, trifft auf den ehemaligen Zellenkumpan Viktor. Unauffällig schaut Hans sich um, sein Blick fällt auf einen jungen Mithäftling. Leo sitzt aus den gleichen Gründen wie er. Hans schreitet ein, als Leo beim Hofgang von Mithäftlingen herumgeschubst wird. Das befördert ihn sofort in dunkle Isolationshaft. Viktor spielt ihm heimlich eine Zigarette zu. Hans zündet sie langsam an und erinnert sich: Rückblende 1945.

Damals ging es Hans ähnlich – Ablehnung und Einsamkeit, als er ins Gefängnis kam. Auch der homophobe Viktor lehnt den Neuen vehement ab. Und doch entsteht zwischen den beiden eine anfangs fragile Bindung, die damit beginnt, als Viktor die eintätowierte Nummer auf Hans‘ Unterarm entdeckt. Viktor bietet an, die Nummer mit einem Tatoo zu verdecken. Hans muss „nur“ noch vier Monate absitzen, da er bereits von den Nazis wegen seiner Homosexualität verfolgt wurde und den Hauptteil der Strafe bereits im Konzentrationslager verbüßt hat. Hans kommt und geht, Viktor bleibt als Konstante im Gefängnis.

Regisseur Sebastian Meise erzählt in Zeitsprüngen eine eindringliche Geschichte über Männerliebe und Freundschaft, über Lebensmut und Menschlichkeit in einer Umgebung, die darauf angelegt ist, genau dies zu unterbinden. „Große Freiheit“ ist kein Gefängnisfilm im herkömmlichen Sinn, der Gewalt von Insassen in den Vordergrund stellt. Er fokussiert sich auf die Menschen, die kleinen und großen Gesten im Angesicht von staatlicher Gewalt, zeigt Momente von Glück und großer Nähe in der rauen Wirklichkeit. Darüber hinaus thematisiert der Film die Kriminalisierung von Homosexuellen, die erst unter den Nazis verfolgt und 1945 vom Konzentrationslager nahtlos ins Gefängnis gesteckt wurden.

Film-Credits: Österreich, Deutschland 2021 - Produzent: Oliver Neumann, Sabine Moser, Benny Drechsel - Regie: Sebastian Meise - Drehbuch: Thomas Reider, Sebastian Meise - Kamera: Crystel Fournier - Schnitt: Joana Scrinzi - Länge: 96 Minuten - Verleih: Piffl Medien GmbH Boxhagener Str. 18, Berlin Tel.:+49 030 293616-0, Fax: +49 030 293616-22, office@pifflmedien.de, www.pifflmedien.de

Film des Monats Oktober

Nowhere Special
96 Minuten

John wird sterben. Bald. Der 33jährige Fensterputzer aus Dublin ist todkrank. Aber John hat einen Sohn namens Michael, drei Jahre alt, den er allein erzieht. John hat keine Familie und keine Freunde als Beistand, weil er selbst in Waisenhäusern aufgewachsen ist und so hart und abweisend war, wie er es dort gelernt hat. Aber was wird aus Michael? Wo wird der kleine Junge leben? Um eine Lösung zu finden, gehen John und eine Vertreterin des Jugendamts einen ungewöhnlichen Weg: Sie besuchen mit Michael die unterschiedlichen Menschen, die ein Kind adoptieren wollen, damit John für sein Kind die bestmögliche Zukunft aussuchen kann. So erleben John und sein Sohn verschiedene Modelle wie die Patchwork-Familie, die Frau, die allein einem Kind ihre Liebe geben will, das reiche Paar, das sich einen Erben wünscht. Und sie erleben die verschiedenen Klassen, die in der britischen Gesellschaft nach wie vor stark ausgeprägt sind.

Diese Prämisse klingt nach einer Konstruktion für sentimentale Effekte.

Aber Regisseur und Drehbuchautor Uberto Pasolini vermeidet jeden Kitsch. Er verzichtet fast vollständig auf Musik, bleibt oft mit der Handkamera an den Menschen und deutet viele Gefühle und Überlegungen nur an. So entsteht der Eindruck von Realität und Ehrlichkeit.

Denn Ehrlichkeit ist ein Thema des Films: John muss sich ehrlich eingestehen, dass er stirbt. Er muss sich ehrlich eingestehen, dass die Trennung von seinem Sohn kurz bevorsteht.

Und er muss ehrlich mit seinem Sohn über den Tod reden.

Alle diese Entscheidungen sind innere Kämpfe – James Norton in der Hauptrolle lässt den Zuschauer auf herzzerreißende Weise an diesen Kämpfen teilhaben. Und er macht einen fast vergessenen Typus wieder sichtbar, den Working-Class-Hero, den Arbeiter, der nicht bewundernd zu den Besserverdienenden aufblickt. Diese Menschen waren zuletzt in den 90er Jahren zu sehen, in BRASSED OFF und GANZ ODER GAR NICHT, den Uberto Pasolini produziert hat. Damit ist NOWHERE SPECIAL auch die Rückkehr eines starken Stücks britischer Filmgeschichte.

Film-Credits: Italien, Rumänien, Vereinigtes Königreich 2021 - Produzent: Uberto Pasolini - Regie: Uberto Pasolini - Drehbuch: Uberto Pasolini - Kamera: Marius Panduru - Schnitt: Masahiro Hirakubo, Saska Simpson - Länge: 96 Minuten - Verleih: Piffl Medien GmbH Boxhagener Str. 18, Berlin Tel.:+49 030 293616-0, Fax: +49 030 293616-22, office@pifflmedien.de, www.pifflmedien.de

Film des Monats September

Herr Bachmann und seine Klasse
217 Minuten

In der Bäckerei werden Teigkringel geformt, der Schulbus fährt blinkend auf die Haltestelle zu, Gedränge am Einstieg, Stadtallendorf wacht langsam auf. Herr Bachmann wartet schon auf seine Klasse. Nach und nach trudeln alle ein, werden aber sofort wieder rausgeschickt. Hat nicht ganz geklappt mit dem ruhigen Einzug ins Klassenzimmer. Neuer, jetzt erfolgreicher Versuch. »Wer ist müde?«, fragt der Lehrer. Mehrere Hände gehen in die Höhe. »Dann tauchen wir noch ein paar Minuten ab«. Die Kinder legen die Köpfe auf die Tische, schließen die Augen. Stille. Morgenritual vor Unterrichtsbeginn.

Gleich in den ersten Minuten deutet der Dokumentarfilm bereits vieles an, was sich in den nächsten dreieinhalb Stunden vor den Augen des Publikums sorgsam entfaltet. Sich Zeit nehmen, ein Gespür für das, was die Kinder gerade brauchen, aber auch klare Regeln spielen eine zentrale Rolle im Unterricht des Herrn Bachmann. In seiner sechsten Jahrgangsstufe sitzen Schülerinnen und Schüler aus zwölf Nationen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und  Deutschkenntnissen. Ein Schuljahr lang ist Filmemacherin Maria Speth dabei und porträtiert, ganz in der Rolle der zurückhaltenden Beobachterin, mit großer Sensibilität den Schulalltag der Klasse.

Herr Bachmann macht mit den Kindern häufig Musik, scheut keine Themen im Unterricht, hat stets einen Blick auf den Einzelnen mit seinen Fähigkeiten oder auch Grenzen. Es wird gelernt, gelacht, gestritten, getröstet. Scheinbar ganz nebenbei thematisiert der Film auch noch ein Stück Industrie- und NS-Geschichte, wenn die Klasse einen Ausflug ins örtliche Museum macht. Mit 40 Jahren hatte er einmal aufhören wollen, weil er das Gefühl hatte, er könne nichts gestalten, erzählt Herr Bachmann einem Kollegen. Zum Glück hat er das dann doch nicht getan. Denn der Film zeigt deutlich: Sitzen am Ende des Schuljahres Grammatik und Matheformeln besser, ist das gut, aber viel wesentlicher ist, dass die Kinder mit Herrn Bachmann durch Zuwendung, Respekt und vorurteilsfreie Wertschätzung fürs Leben gelernt haben.

Film-Credits: Deutschland 2021 - Produzent: Maria Speth - Regie: Maria Speth - Drehbuch: Maria Speth, Reinhold Vorschneider - Kamera: Reinhold Vorschneider - Schnitt: Maria Speth - Länge: 217 Minuten - Verleih: Grandfilm Muggenhofer Str. 132d, Bau 74, 90429 Nürnberg, Tel.:+49 0911 810 96 671, verleih@grandfilm.de, www.grandfilm.de - FSK: 0 - Kinostart: 16.09.2021

Film des Monats August

The Father
98 Minuten

Anthony (Anthony Hopkins) glaubt, er sei bestens in der Lage, sein Leben eigenverantwortlich zu meistern. Geboren an einem Freitag, dem 31. Dezember 1937, wie er korrekt anzugeben weiß, lebt der verwitwete Ingenieur im Ruhestand mit seiner Tochter Anne (Olivia Colman) in einer komfortablen, weitläufigen Altbauwohnung in London. Als Anne ihrem Vater eröffnet, sie werde nach Paris ziehen, weil sie einen Mann kennengelernt habe, mit dem sie leben wolle, fühlt sich der Vater durch die Aussicht auf die Veränderung seiner Lebensumstände verunsichert. Anne will ihren Vater in guter Obhut wissen. Doch das ist kein leichtes Unterfangen. Denn Anthony, der auch im hohen Alter noch seinen Charme zu versprühen weiß, bringt es fertig, eine Pflegekraft nach der anderen zu vergraulen. Mit verletzenden Bemerkungen oder der haltlosen Verdächtigung, man habe ihm seine Armbanduhr gestohlen.

Das Drehbuch über eine Vater-Tochter-Beziehung und den Umgang mit der Demenz des Vaters basiert auf dem gleich­namigen Theaterstück des französischen Regisseurs Florian Zeller. Für die Adaption erhielten er und sein Co-Autor Christopher Hampton einen Oscar. The Father ist Zellers erster Spielfilm. Anthony Hopkins wurde für seine eindrucksvolle ­Leistung zu Recht mit dem Oscar ausgezeichnet. Der bewegende Film dürfte vielen Zuschauer*innen aus dem Herzen sprechen, die mit den eigenen Eltern Ähnliches erleben. Was The Father einzigartig macht gegenüber anderen Spielfilmen zum Thema Demenz, ist das geschickt inszenierte Verwirr­spiel. Unterschiedliche Realitäts­ebenen schieben sich ineinander, analog des mentalen Verfalls des Protagonisten, der sich gegen Ende nicht mehr erinnert, wer er selbst ist. Für ihn hat die Wirklichkeit ihre Zu­verlässigkeit eingebüßt. Vermittels der Dramaturgie wird die Verwirrung über die unterschiedlichen Realitätsebenen des Geschehens wirkungsvoll auf den/die Zuschauer*in übertragen.

Film-Credits: Großbritannien 2021 - Produktion: David Parfitt Jean-Louis Livi, Philippe Carcassonne, Christophe Spadone, Simon Friend - Regie: Florian Zeller - Drehbuch: Florian Zeller, Christopher Hampton - Kamera: Ben Smithard - Schnitt: Yorgos Lamprinos - Musik: Ludovico Einaudi - Darsteller: Anthony Hopkins, Olivia Colman, Mark Gatiss, Olivia Wilde, Rufus Sewell - Länge: 98 Minuten - Verleih: Tobis Film GmbH & Co KG; Pacelliallee 47, Berlin Tel.:+49 030 839007-0, Fax: +49 030 -65, info@tobis.de, www.tobis.de - FSK: 6 - Kinostart: 26.08.2021

Film des Monats Juli

Verleih: DCM

Fabian oder Der Gang vor die Hunde 
176 Minuten

Berlin Anfang der Dreißiger. Jakob Fabian, der von allen nur bei seinem Nachnamen genannt wird, kommt aus Dresden, aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, und führt in der Metropole das vorläufige, unstete Leben eines Bohemiens. Er wohnt möbliert und arbeitet in einer Werbeagentur – ein Job, auf den er wenig Ehrgeiz verwendet, er sieht sich als Schriftsteller. Nachts lässt er sich trinkend und kettenrauchend durch Clubs, Bordelle, Künstlerateliers treiben. In seinen Beziehungen dagegen ist Fabian keineswegs flatterhaft: Er hält zärtlich die Verbindung zu seiner Mutter, unterstützt seinen Studienfreund Labude, der aus einer reichen Familie kommt, politisch aber auf die Arbeiterklasse setzt, und wirft sich rückhaltlos in eine Romanze mit Cornelia, die davon träumt, Schauspielerin zu werden. Doch irgendwann beginnt Fabians Leben zu zerbröseln. Er wird arbeitslos, Cornelia verrät ihn an ihre Karriere, Labude verschwindet. Etwas ist faul in diesem Berlin; etwas scheint alle Verhältnisse, private wie geschäftliche, zu vergiften. 

Dominik Grafs freie Adaption des Romanklassikers von Erich Kästner beginnt mit einer langen Fahrt durch eine moderne U-Bahnstation. Wenn die Kamera im Berlin der Weimarer Republik auftaucht, ist klar: Dies ist kein konventioneller Historienfilm. Graf mischt eine fast Nouvelle-Vague-hafte Leichtigkeit und Direktheit in den intimeren Momenten mit schwarzweißen Archivaufnahmen aus dem alten Berlin und expressiven Gruppenszenen. Während die Figuren ganz in ihrer Gegenwart leben, verfügt die Inszenierung über das Wissen der Nachgeborenen – da kann es schon mal sein, dass der Kamerablick die „Stolpersteine“ streift, die heute in vielen Städten an die Shoah erinnern. Die historischen Brüche, auch in der Ausstattung, unterstützen das Bild einer Gesellschaft im Übergang von der Demokratie zur Diktatur. Nazi-Funktionäre und SA-Trupps bewegen sich hier noch am Rand – aber es ist klar, dass das von Konkurrenzdruck und Hyperindividualismus geprägte Künstler- und Intellektuellenmilieu der Stadt ihnen nichts entgegenzusetzen hat. So bricht der Film mit dem Mythos der weltläufigen, glamourösen, vom Faschismus überrumpelten Metropole Berlin – und gewinnt eine unheimliche Aktualität

Film-Credits: Deutschland 2021 - Produzent: Felix von Boehm - Regie: Dominik Graf - Drehbuch: Dominik Graf, Constantin Lieb - Kamera: Hanno Lentz - Schnitt: Claudia Wolscht - Musik: Florian van Volxem, Sven Rossenbach - Darsteller: Tom Schilling, Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch - Länge: 176 Minuten - Verleih: DCM; Schönhauser Allee 8, 10119 Berlin, Tel.:+49 030 88 59 74 0, Fax: +49 030 88 59 74 15, what@dcmteam.com, www.dcmworld.com - FSK: ab 12 - Kinostart: 05.08.2021



Film des Monats Juni

Majestic Filmverleih GmbH

Ich bin dein Mensch
104 Minuten

Die Mittvierzigerin Alma (Maren Eggert) ist Archäologin, Single, und nimmt als Wissenschaftlerin an einer interdisziplinären Studie teil: Drei Wochen lang soll sie mit einem humanoiden Roboter namens Tom (Dan Stevens) zusammenleben, um anschließend ein ethisches Gutachten zu schreiben. Toms künstliche Intelligenz wurde von seiner Herstellerfirma, die die Humanoiden als Beziehungspartner vermarkten möchte, darauf programmiert, Annas Bedürfnissen bestmöglich zu entsprechen. Da Anna dem Projekt aber skeptisch gegenübersteht, gestaltet sich der Beginn des Experiments schwierig. Doch Toms Algorithmus passt sich immer besser an Alma und ihre Bedürfnisse an, bis schließlich das Zusammensein mit ihm für sie tatsächlich attraktiv wird. Als sie das bemerkt, zieht sie die Reißleine und gibt Tom zurück – ist das das Ende?
Regisseurin Maria Schrader schrieb zusammen mit Jan Schomburg auch das Drehbuch, das wiederum auf einer Kurzgeschichte von Emma Braslavsky aufbaut. Auf den ersten Blick greift der Film ein schon häufig bearbeitetes Thema auf: die Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Doch diesmal geht es nicht darum, wie „menschlich“ Roboter sein können und welche Rechte ihnen eventuell zustehen, sondern die menschlichen Bedürfnisse an eine Beziehung werden ausgelotet. Können gut programmierte Maschinen vielleicht manches tatsächlich besser erfüllen als echte Menschen? Schon heute verhelfen roboterisierte Kuscheltiere ja alten und demenzerkrankten Menschen zu Austausch und Kontakt, Algorithmen von Dating-Apps berechnen die besten „Matches“ zwischen Partnersuchenden, und auch der Verkauf von Sexpuppen boomt. Die Beziehungsdynamiken zwischen Mensch und Maschine werden gesellschaftliche Debatten noch lange beschäftigen. Dieser Film ist, auch dank der überzeugenden Hauptdarsteller:innen, guter Dialoge und vieler überzeugender Regieeinfälle, ein intelligenter wie unterhaltsamer Beitrag dazu.

Film-Credits: Deutschland 2021 - Produzent: Lisa Blumenberg - Regie: Maria Schrader - Drehbuch: Jan Schomburg und Maria Schrader - Kamera: Benedict Neuenfels - Schnitt: Hansjörg Weißbrich - Musik: Tobias Wagner - Länge 104 Minuten - Darsteller: Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Hans Löw - Verleih: Majestic Filmverleih GmbH; Bleibtreustraße 15, 10623 Berlin, Deutschland, Tel.:+49 030 887 14 48 – 0, office@majestic.de, www.majestic.de/ - Preise: Berlinale 2021: Silberner Bär für Maren Eggert - Kinostart: 17.07.2021

 

 

Film des Monats Mai

EZEF - Evangelisches Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit

Made in Bangladesh (Made in Bangladesh)
95 Minuten

„Made in Bangladesh“ erzählt die Geschichte der jungen Bengalin Shimu, die in einer Nähfabrik in Dhaka arbeitet. Hungerlöhne, unbezahlte Überstunden, geschlechterspezifische Diskriminierung, keine soziale Absicherung, mangelnde Sicherheitsstandards und kein festes Beschäftigungsverhältnis prägen ihren Alltag. Als eine Kollegin bei einem Brand in der Nähfabrik zu Tode kommt, lehnt sich Shimu auf und gründet mit Unterstützung ihrer Kolleginnen und einer NGO-Mitarbeiterin eine Gewerkschaft.
Die bengalische Drehbuchautorin und Regisseurin Rubaiyat Hossain zeigt die spannende Geschichte einer hartnäckigen Frau, die gegen viele Widerstände von außen, aber auch im privaten Bereich, kämpft. Stringent und authentisch gelingt Hossain die Schilderung des Alltags einer Textilarbeiterin, da sie sich früher selbst in einer NGO in Bangladesch für Frauenrechte eingesetzt hat. Darüber hinaus können die Zuschauer*innen in das lautstarke Treiben in Dhakas Straßen eintauchen und die jungen Näherinnen beim Tanzen in ihren farbenfrohen Saris begleiten, wenn sie aus ihrem Alltag ausbrechen. Mit diesem Film erinnert die Regisseurin auch an das bislang größte Unglück in der Geschichte der Textilindustrie, als die Nähfabrik Rana Plaza in Dhaka 2013 einstürzte und über 1000 Menschen starben.
Die Evangelische Filmjury empfiehlt „Made in Bangladesh“ besonders für die Bildungsarbeit. Der Spielfilm stellt die Zusammenhänge der modernen und globalisierten Textilproduktion realistisch und nachvollziehbar dar. Er bietet Einblicke in die Lebens- und Arbeitsbedingungen der bengalischen Näherinnen, die die Kleidung herstellen, die in den westlichen Industrieländern bevorzugt getragen und um ein Vielfaches ihres Herstellungspreises verkauft wird. Identifikationsfigur. „Made in Bangladesh“ erzählt eine Geschichte über Empowerment von Frauen. Auch wirft er ein Licht auf die ursprüngliche Rolle von Gewerkschaften, deren „goldene Zeiten“ in Deutschland längst der Vergangenheit angehören. 

Film-Credits: France, Bangladesh, Denmark, Portugal 2019 - Produzent: François d'Artemare, Ashique Mostafa, Aadnan Imtiaz Ahmed, Penelope Julie Bruun Bjerregaard, Rubaiyat Hossain, Peter Hyldahl - Regie: Rubaiyat Hossain - Drehbuch: Rubaiyat Hossain und Philippe Barrière - Kamera: Sabine Lancelin - Schnitt: Sujan Mahmud, Raphaëlle Martin-Holger - Musik: Tin Soheili - Darsteller: Rikita Nandini Shimu, Novera Rahman, Deepanwita Martin - Format:DCP 2K - 95 Minuten - Verleih: EZEF - Evangelisches Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit, Kniebisstr. 29, Stuttgart Tel.:+49 0711 2847243, Fax: +49 0711 2846936, info@ezef.de, www.ezef.de - Preise: Torino Film Festival: Premio Interfedi Award African Diaspora Film Festival: Audience Award Tromsø International Film Festival: Norwegian Peace Film Award Kinostart: 20.05.2021

 

 

Film des Monats April

The Walt Disney Company (Germany) GmbH

Nomadland (Nomadland)
108 Minuten

Fern nimmt ein paar Teller eines Blumengeschirrs aus einer Kiste und verstaut sie in ihrem Lieferwagen. Sie drückt die Jacke ihres verstorbenen Mannes noch einmal an sich, bevor sie davonfährt, auf einer Straße entlang der Prärie. Empire, Nevada, wo sie mit ihrem Mann gelebt hat, ist jetzt eine Geisterstadt. Der Gipskonzern hat die Fabrik geschlossen. Die Bewohner müssen die Häuser verlassen. Eine letzte Lohnauszahlung, dann ist es vorbei. Fern nimmt jeden Job an, der sich ihr bietet. In Nebraska, Süddakota oder im Norden Kaliforniens. Als Packerin im Amazon Fulfillment Center oder als Reinigungskraft im Badlands Nationalpark. Den Eintritt in die Rente, den das Arbeitsamt ihr empfiehlt, kann sie sich nicht leisten. So wenig wie die teure Reparatur ihres Lieferwagens, der ihr als Behausung dient. Dass Immobilienmakler damit Geld verdienen, dass andere ihre Ersparnisse in den Kauf eines Hauses stecken, das sie sich nicht leisten können, befremdet sie. Lieber ist ihr das mobile Leben, eingeschränkt aufs Notwendigste, inmitten der grandiosen Landschaften des amerikanischen Westens. Längst ist der amerikanische Traum zerbrochen, der dem Individuum sozialen Aufstieg versprach. Doch Fern begegnet der Stagnation ihres Landes mit stoischer Selbstbestimmtheit. Wie einst die Pioniere. Entlang des Highways trifft sie auf Gleichgesinnte, gespielt von Laiendarstellern, moderne Nomaden wie sie, die das bürgerliche Leben hinter sich gelassen haben. Hier findet sie warmherzigen Beistand und bewahrt ihre Unabhängigkeit.

Mit Nomadland hat die Regisseurin Chloé Zhao ein präzises Bild eines unterbelichteten Teils des heutigen Amerikas geschaffen. Eindrucksvoll sind die von klassischer Fotografie des amerikanischen Westens inspirierten Landschaftsaufnahmen, ebenso die schauspielerische Leistung von Frances McDormand in der Hauptrolle. Der Film, der auf den dokumentarischen Schilderungen von Jessica Bruder beruht, gewann in Venedig den Goldenen Löwen. Nomadland ist einer der herausragenden aktuellen Kinofilme.

Film-Credits: USA - Produzent: Mollye Asher, Dan Jenvey, Frances McDormand, Peter Spears, Chloé Zhao - Regie und Drehbuch: Chloé Zhao - Kamera: Joshua James Richards - Musik: Ludovico Enaudi - Darsteller: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Swankie Wells, Bob Wells -Länge: 108 Minuten -  Verleih: The Walt Disney Company (Germany) GmbH; Kronstadter Straße 9, 81677 München, Tel.:+49 (0)89 99340-0, Fax: +49 (0)89 -139, hilfe@movie.de, www.movie.de - Preise: Gewinner des Goldenen Löwen für den Besten Film bei den 77. Internationalen Filmfestspielen von Venedig - FSK: Ohne Angabe - Kinostart: 08.04.2021

 

 

 

Film des Monats März

Weltkino Filmverleih GmbH

Der Rausch (Druk)
117 Minuten

Martin, Tommy, Nikolaj und Peter sind Lehrer an einem dänischen Gymnasium. Das liberale Umfeld schützt nicht vor Burn-out und Midlife-Crisis. Aber eine groteske Theorie verspricht einen Ausweg. Der Mensch, so die Behauptung, komme mit 0,5 Promille zu wenig Alkohol auf die Welt. Ganz bei sich sei er nur dann, wenn immer genug Alkohol im Blut ist. Die vier Freunde beschließen, sich einem entsprechenden Experiment zu unterziehen.
Schnell stellen sich beim Praxistest die ersten Erfolge ein, vor allem der Unterricht läuft richtig gut. Martin wird wieder zum brillanten Geschichtslehrer, und Peters Chor singt inniger denn je. Aber rasch wird klar, dass das nicht gut gehen kann. Thomas Vinterbergs Film verschwendet jedoch keine Zeit mit der wohlfeilen Botschaft, dass Alkohol keine Probleme löst. Sein Blick richtet sich vielmehr auf die verschiedenen Formen der Akzeptanz von Alkohol in unserer Gesellschaft und vermeidet dabei jede Dämonisierung. Er thematisiert den Leistungsdruck, den Alkohol eben auch zu entlasten verspricht, und wirft einen nüchternen Blick auf die gesellschaftliche Doppelmoral. In ritualisierten Formen ist Trinken durchaus erlaubt: als Distinktion unter Gourmets, als Ritual bei Feiern oder als kunstvolles Sauflied. Dabei wirft er durchaus moralische Fragen auf, zum Beispiel wenn Martin im Geschichtsunterricht anhand des Vergleichs von Churchill mit Hitler nach dem Verhältnis von Lebenswandel und Herrschaft fragt. In einer Szene gelingt die Engführung der Themen besonders eindrücklich: Um einem Schüler die panische Angst vor einer mündlichen Prüfung über den Philosophen Kierkegaard zu nehmen, bietet ihm sein Prüfer Alkohol an. Die Schlussszene inszeniert die Schönheit des Rausches, der wir uns als Zuschauer:innen nicht entziehen können – ein dionysischer Tanz, ermöglicht durch die Volksdroge.
Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg untersucht in seinem filmischen Schaffen vorzugsweise ausgehöhlte, meist patriarchale Rituale unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft. So auch hier. Auch dank exzellenter Schauspieler*innen ist ihm mit »Der Rausch« ein überzeugender Beitrag zu der ambivalenten Rolle, die Suchtmittel in unserer Leistungsgesellschaft spielen, gelungen.

Film-Credits: Dänemark 2020 - Produzent: Sisse Graum Jorgensen, Kasper Dissing, Mark Denessen, Sidsel Hybschmann, Lizette Jonjic - Regie: Thomas Vinterberg - Drehbuch: Thomas Vinterberg, Tobias Lindholm - Kamera: Sturla Brandth Grøvlen - Schnitt: Janus Billeskov Jansen, Anne Østerud - Musik: Mikkel Maltha - Darsteller: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Lars Ranthe, Magnus Millang, Maria Bonnevie, Susse Wold, Helene Reingaard Neumann - Format:2D - Länge: 117 Minuten - Verleih: Weltkino Filmverleih GmbH; Karl-Tauchnitz-Straße 6, 04107 Leipzig, Tel.: 0341 21339 111, Fax: 0341 21339 303, info@weltkino.de, www.weltkino.de - FSK: ab 12 - Kinostart: 25.03.2021 

Film des Monats Februar

jit film & verleih gbr

Kabul, City in the Wind
88 Minuten

Ein Busfahrer singt ein wehmütiges Lied: »Das ist unser geliebtes Land. Das ist Afghanistan.« Zwei kleine Jungen sitzen auf einem Dach, den Rücken der Kamera zugewandt. Sie blicken hinab auf die Millionenstadt Kabul, ein farbentleertes Betonmeer, vor ihnen in der Ebene. Wenn sie nicht gerade den Sandstaub vom Dach ihres Hauses kehren oder die dürren Bäume davor gießen, erzeugen sie mit den anderen Dorfkindern klangvolle Töne, indem sie Steine gegen die blecherne Wand eines abgewrackten Panzergehäuses schmettern. Afshin träumt davon, einmal Ingenieur zu werden, sein jüngerer Bruder Benjamin will Polizist werden. Doch was ist das für ein Leben, was für eine Zukunft, wenn der Begriff »Selbstmordattentäter« wie selbstverständlich zum Wortschatz eines Elfjährigen gehört? Die Bedrohung durch Krieg und Gewalt bestimmt aller Leben, das der Kinder wie das der Erwachsenen. "Wenn ich auf mein Leben zurückblicke", resümiert der Busfahrer Abas, der vor lauter Schulden die Instandhaltung seines Busses nicht bezahlen kann und am Ende Bus und Arbeit verliert, "waren nur zehn Prozent davon friedlich."

Ein im Film wiederkehrendes Bild ist der Friedhof mit den Gräbern der Toten, die 2016 bei einem Selbstmordanschlag in Kabul ihr Leben verloren. Entlang der von Geröll umgebenen Grabstätte flattern Fahnen im Rot und Grün der afghanischen Landesfarben lautstark im Wind. Dem in Afghanistan geborenen Regisseur Aboozar Amini, der als Kind in die Niederlande kam und dort ein Filmstudium absolvierte, ist ein eindrucksvoller Dokumentarfilm gelungen. Mit seinen losen Erzählsträngen wirkt der Film wie eine Collage. Dicht bleibt er an den Menschen, die er porträtiert, den beiden Jungen und dem Busfahrer. Er schildert Geschichten von gewöhnlichen Menschen und ihrer Bewältigung des Alltags in einem von Krieg und Gewalt gezeichneten, instabilen Land. Die sorgfältig komponierten Bilder entfalten bei aller Trostlosigkeit der Lebensverhältnisse eine poetische Kraft; sie prägen sich ebenso tief ein wie die Blicke der Kinder, die sich unmittelbar auf den Betrachter richten.  

Film-Credits: Niederlande 2018 - Produzent: Jia Zhao - Regie, Drehbuch und Kamera: Aboozar Amini - Schnitt: Barbara Hin - Musik: Jeroen Goeijers - Länge: 88 Minuten - Darsteller: Afshin, Benjamin, Abas - Verleih: jit film & verleih gbr; Oeder Weg 42, 60318 Frankfurt, Deutschland, Tel.:+49 069 805 322 73, info@jip-film.com, www.jip-film.de - FSK:12 - Kinostart: 2021

 

 

Film des Monats Januar

Verleih: Piffl Medien GmbH

Martin Eden (2019)
129 Minuten

Martin Eden arbeitet als Matrose. Wenn er an Land ist, lebt er in Neapel bei seiner Schwester, in ärmlichen Verhältnissen; wenn er Zeit hat, schreibt er Geschichten. Die Zufallsbekanntschaft mit Arturo Orsini, den er an den Docks davor bewahrt, zusammengeschlagen zu werden, eröffnet Martin eine neue Welt. Er wird in das großbürgerliche Haus der Orsinis eingeladen, und es gelingt ihm, Eindruck zu machen – vor allem bei Elena, Arturos Schwester. Martin verliebt sich, und Elena scheint seine offensive Körperlichkeit, seinen ruppigen Charme anziehend zu finden. Einer engeren Bindung aber steht genau der im Weg: Es fehle ihm an Erziehung, sagt Elena unverblümt. Martin verstärkt seine literarischen Anstrengungen und verordnet sich ein rigides Bildungsprogramm – von Baudelaire bis zu den philosophisch-soziologischen Schriften von Herbert Spencer, der das Wort vom „survival of the fittest“ geprägt hat. Martin ist entschlossen, dazu zu gehören – als Schriftsteller Erfolg zu haben, Elena zu heiraten und in der Sphäre der Orsinis akzeptiert zu werden.
Pietro Marcello hat den 1909 erschienenen „Martin Eden“-Roman des Amerikaners Jack London ins Italien des 20. Jahrhunderts transferiert, ohne historisch ganz konkret zu werden – die Kostüme könnten aus den Zwanzigern stammen, die Autos aus den Siebzigern oder Achtzigern. Der Film erzählt mehr als eine Liebesgeschichte – es ist ein düsterer, anspielungsreicher Anti-Bildungsroman, den Marcello in sinnlichen Bildern auf die Leinwand bringt. Der Protagonist kämpft nicht nur um Geltung, sondern auch mit weltanschaulichen Positionen: sozialistisch, radikal-individualistisch, autoritär. Während Martin zum Star der literarischen Szene wird, scheitert seine Beziehung zu Elena, und er entfernt sich immer weiter von seiner Herkunft, den Bedingungen seiner Literatur. Möglicherweise dokumentarische, atmosphärische Aufnahmen der auf dem Land und im Hafen arbeitenden Menschen ergänzen, kommentieren und konterkarieren die Geschichte des Helden. So erzählt der Film, ganz gegenwärtig, wie sich Eliten reproduzieren und behaupten – und was die bürgerliche Vorstellung vom Erfolg qua singulärer Leistung im Bewusstsein anrichten kann.

Film-Credits: Italien - Produzent: Beppe Caschetto, Viola Fügen, Pietro Marcello, Thomas Ordonneau, Michael Weber - Regie: Pietro Marcello - Drehbuch: Maurizio Braucci, Pietro Marcello - Kamera: Alessandro Abate, Francesco Di Giacomo - Schnitt: Fabrizio Federico, Aline Hervé - Musik: Marco Messina, Sacha Ricci - Länge: 129 Minuten - Darsteller: Luca Marinelli, Jessica Cressy, Marco Leonardi - Verleih: Piffl Medien GmbH; Boxhagener Str. 18, Berlin Tel.:+49 030 293616-0, Fax: +49 030 293616-22, office@pifflmedien.de, www.pifflmedien.de - FSK: 6 - Kinostart: Juli 2021 

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